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Leseprobe aus:
Wirtschaftspolitische Leitlinien in der Ära des Austrofaschismus
Gerhard Senft
"Einer der besten des CV, unser verewigter Kanzler Dr. Dollfuß, der Mann mit dem weitschauenden Wirtschaftsverständnis, hat unserem Vaterland zugleich mit der Ständeverfassung auch die Grundlagen zu einer neuen Wirtschaftsordnung und Sozialreform gegeben, die eine Erneuerung der herrschenden Zustände her-
beiführen und ein gesundes Wirtschaftsleben wieder ermöglichen sollen."
(Augustin Kranzl, "Der CV im Wirtschaftsleben des christlichen Stände-
staates", in: Mitteilungsblatt des ÖCV und ÖAHB, Juni 1935)
S. 244 248:
Feindbild: John Maynard Keynes
Der Umstand, dass man in Österreich in der Ära des Ständestaates über punktuell gesetzte Maßnahmen zur Bewältigung der großen Krise nicht hinausfand, hatte ganz wesentlich mit der Abwehr neuerer theoretischer und wirtschaftspolitischer Ansätze zu tun. Grundsätzlich wird für die Phase der dreißiger Jahre zwischen drei Modellen der Krisenbeeinflussung zu unterscheiden sein.
- Eine erste Gruppe von Ländern, und hier ist auch Österreich dazuzurechnen, sah die große Krise primär als eine Folge des Zusammenbruchs des Vertrauens in das internationale Kreditsystem. Die Vorgangsweise, die daran geknüpft wurde, zielte darauf, dieses Vertrauen auf dem Wege einer straff geführten Finanz- und Währungspolitik ohne Rücksicht auf deflationäre Effekte wieder herzustellen.
- Für die zweite Variante eines Krisenbewältigungsversuches ist als extremstes Beispiel NS-Deutschland zu nennen. Das nationalsozialistische Regime versuchte das ökonomische Ungleichgewicht vor allem über einen aufwendigen staatlichen Interventionismus zu neutralisieren. Eine dominierende Rolle nahm dabei ab 1934 im Rahmen projektierter räumlicher Expansionsvorhaben das Aufrüstungsprogramm ein. Da die Finanzierung in hohem Ausmaß über die Notenpresse funktionierte, waren flankierende Maßnahmen wie eine systematische Devisenbewirtschaftung sowie eine autoritative staatliche Kontrolle der Preise und Löhne erforderlich.
- In den angelsächsischen und zum Teil auch in den nordeuropäischen Ländern wurde besonders der Währungspolitik als Element einer aktiven Konjunkturbeeinflussung eine entscheidende Bedeutung beigemessen. Die antideflatorischen Maßnahmen in Großbritannien ab 1931 oder in den USA ab 1933 erzeugten kaum übersehbare konjunktur- und beschäftigungspolitische Impulse.
Die wirtschaftspolitischen Wege Großbritanniens und der USA in den dreißiger Jahren trugen wesentliche Züge von dem, was man später mit dem Begriff "Keynesianismus" konnotierte. Der Engländer John Maynard Keynes war mit seinen Denkansätzen seit Mitte der zwanziger Jahre in den Mittelpunkt wirtschaftstheoretischer und programmatischer Auseinandersetzungen gerückt. Die auf der Basis seiner Schrift "Treatise on Money (1930) entwickelten wirtschaftspolitischen Vorschläge bezogen sich auf die vom Verhältnis zwischen Sparen und Investieren bestimmte zyklische Dynamik in der Wirtschaft. Keynes sah die Chance des bedarfsgemäßen Einsatzes einer expansiven Fiskalpolitik zur Förderung eines wirtschaftlichen Aufschwunges, wobei er eine autonome (von den Zwängen des Goldstandards unabhängige) Geldpolitik und ein niederes Zinsniveau als Grundnotwendigkeiten erachtete. Im Gegensatz zu den neoklassischen Ökonomen ging Keynes von der ketzerischen Annahme aus, dass der private Wirtschaftssektor als instabil zu betrachten sei. Insbesondere in der Phase einer tiefgreifenden Wirtschaftskrise könne nicht auf einen endogenen Ausgleich, wie ihn die marktliberalen Ökonomen erwarteten, gehofft werden. In der gegebenen Situation eines Nachfrageausfalls müsse die öffentliche Hand die Rolle eines Konjunkturmotors übernehmen. Kreditpolitik und staatliche Investitionsprogramme sollten das Beschäftigungsniveau erhöhen, daraus folge eine erhöhte Konsumbereitschaft in der Bevölkerung, der Wirtschaftsprozeß würde so mehr und mehr wieder in normale Bahnen gelenkt. Im Zuge des anschließenden Wirtschaftsaufschwunges wäre die Möglichkeit gegeben, den Schuldenstand der öffentlichen Hand über vermehrte Steuereinnahmen wieder abzubauen. Von den Vertretern der zünftischen Nationalökonomie in Österreich wurden "Keynes und seine Jünger als "Propheten des billigen Geldes bzw. als "Inflationisten besonders heftig befehdet. Eine verhältnismäßig freundliche Würdigung, wie sie Fritz Machlup 1932 Keynes zuteil werden ließ, blieb eher die Ausnahme. Eine breitgefächerte positive Resonanz auf die Keynesschen Ansätze war im Rahmen der österreichischen Volkswirtschaftslehre auch nach 1936, dem Erscheinungsjahr seines Hauptwerkes mit dem Titel "Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes", in dem Keynes umfassend und systematisch die Grundlagen seiner praktischen Vorschläge erarbeitet hatte, zu vermissen. In der Besprechung der Keynesschen General Theory in der Fachzeitschrift "Der Österreichische Volkswirt" hieß es, dass sich Keynes mit seinen Vorschlägen nun auf einen "völlig unzulässigen" Weg der Auseinandersetzungen begeben habe.
Abseits vom volkswirtschaftlichen Mainstream hatten sich aber auch in Österreich, noch bevor in den USA die Zeichen einer wirtschaftspolitischen Wende gesetzt wurden, "präkeynesianische Ansätze herauszubilden begonnen. Neben dem Beschäftigungsprogramm der Freien Gewerkschaften stach etwa der von Otto Deutsch und Alexander Vértes 1932 erarbeitete Plan hervor, der eine angeregte Diskussion auf akademischer Ebene einleitete. Deutsch und Vértes plädierten für ein umfassendes öffentliches Investitionsprogramm, das die grassierende Arbeitslosigkeit mittelfristig in 10 Jahren zur Vollbeschäftigung, lautete das Ziel beseitigen sollte. Eine großangelegte Geldbeschaffungsaktion (im Zentrum stand der Gedanke einer Innenanleihe) sollten den Finanzierungsrahmen gewährleisten. Deutsch und Vértes rechneten mit einem anfänglichen Finanzbedarf in der Größenordnung von 590 Millionen Schilling. Investiert in Projekte, wie etwa im Energiebereich, sollten erwirtschaftete Überschüsse in einen Fonds fließen, der in den Folgejahren die Finanzierung weiterer Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu sichern gehabt hätte. Der Plan repräsentierte einen dynamischen makroökonomischen Ansatz, der mit dem Grundgedanken des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichtes (im Sinne des richtigen Verhältnisses von "Sparen und "Investieren) und der Multiplikatorwirkung (= Ausgabewirkung einer Investition) eindeutige Affinitäten zum Keynesschen Denken aufzuweisen hatte.
Mit Befremden wurde in der Redaktion des "Österreichischen Volkswirt" im November 1932 zum Deutsch-Vértes-Plan festgestellt, dass "selbst in Kreisen des öffentlichen Lebens, die man sonst ernst zu nehmen gewohnt ist, die Stimmen von Wirtschaftsführern (gemeint waren prominente Wirtschaftspolitiker und Industrievertreter wie Richard Reisch, Eduard Heinl, Josef Resch, Wilhelm Loebell oder Eugen Margaréta) nicht verstummen, die sich für den Plan einsetzen. Das Urteil des wirtschaftswissenschaftlichen Establishments (von Gottfried Haberler bis Karl Polanyi) zum Aufbauplan fiel nämlich vernichtend aus. Der Sektor der österreichischen Wirtschaftswissenschaften präsentierte sich in den dreißiger Jahren als nahezu lückenlos geschlossenes Bollwerk gegenüber den Methoden einer Ankurbelungspolitik. Als gleichgültig war dabei der geistige Herkunftsort des jeweiligen Theoretikers anzusehen: Die Auffassungen ständischer Nationalökonomen unterschieden sich in diesem Punkt von jenen der wirtschaftsliberalen Schule bestenfalls in Nuancen. Ein Umdenken, soweit es erfolgte, geschah um Jahre zu spät, und auch dabei blieb, wie bei Hans Bayer, das Vorsichtsmotiv im Zentrum. Der Wirtschaftsforscher Hans Bayer 1937: Auch wenn in Kreditausweitungsmaßnahmen nicht allzu große Hoffnungen investiert werden sollten, so sei doch daran zu denken, im Zuge eines einheitlichen Planes Hafenbauprojekte, den Bau von Volkswohnhäusern, die Elektrifizierung der Bundesbahnen oder den Ausbau der elektrischen Verbundwirtschaft großzügig zu fördern.
Bezieht man sich auf die Äußerungen der Opinion-leader in den wirtschaftstheoretischen Auseinandersetzungen im Österreich der dreißiger Jahre, wird man nicht umhin können, eine massive Innovationsfeindlichkeit zu konstatieren. Ökonomen wie der erwähnte Hans Bayer oder Ernst Ruzicka, der schon 1934 in seinem Buch "Wirtschaftsdynamik" festgestellt hatte, dass nur "beschäftigte Arbeiter" imstande sind zu konsumieren, bildeten absolute Ausnahmen. Mit dem Beharren auf orthodoxe Muster wurde für die Wirtschaftsgestaltung im österreichischen Ständestaat eine Zwangslage geschaffen, die die inneren Widersprüche auf allen Ebenen überhand nehmen ließ.
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