Leseprobe aus:
Jura lebt
Christine Werner
S. 275 281:
So fertig ist die Wahrheit unter ihm, der nicht Dollfuß ist, in diesem Land schon lange nicht mehr gewesen. Sein Vorbild hängt an der Wand, wird daher von niemandem so schnell an die Wand gestellt werden können. Was andere als Totengräber der Demokratie entwerten, hat seines Erachtens mit Tod nur insofern zu tun, als "er" (der an der Wand) als Mensch gestorben ist (wie das Bild bestätigt, lebt er aber weiter als selige Fotografie). Wenn es heißt "Im Namen der ÖVP" muss "er", der nicht Dollfuß, aber die Partei ist, gar nichts mehr separat unterschreiben. In seinem Namen also werden regelmäßig Kränze zum Dollfuß-Grab getragen (schon deshalb kann "er" nicht Dollfuß sein). Am Grab kommen sie wieder inniger zusammen: Er (mental) & Er & die Partei. Auch wenn "er", der nicht Dollfuß ist, dem Grab fernbleibt, fühlt er diese Rührung. Jedenfalls lebt er die feierliche Zeremonie im Geiste mit. Bei aller Selbstsicherheit: Er geht offiziell nicht hin. Der Presse wird die Freude mißgönnt, pietätlos in seinen Gefühlen zu wühlen. Die Gefühle hat "er" poesievoll auf die Kranzschleife gemalt. Er ist auch Zeichner. Ein vielseitig Begabter Künstler und Musikant. Seine Spende wird sich harmonisch ins Grabbeet fügen. Den Rest erledigen die Burschenschafter mit Lackschuhen. Die Seinigen. Die mit den glatten Wangen und rosaroten Pausbacken. Die Gesunden. Also das Drum und Dran mit Uniform, Stechschritt, Fahne und wie sich das so gehört. "In ewiger Erinnerung". Das ist wie gesagt das Mindeste an Anstand.
Auch innerlich musste er derselbe geblieben sein. Welcher Teufel war also in diesen Knirps gefahren? Der Friseur bügelte unter Aufwand von Pomade den Scheitel glatt. Ja, das war jetzt seine neue Frisur. Früher hatte er die Haare ziemlich wirr vertikal aufwärts wachsen lassen, um größer zu erscheinen. Der Fürst Starhemberg hatte ihn wahrscheinlich aufmerksam gemacht, dass das keine Diktatorenfrisur ist... "Meine Verehrung, Herr Bundeskanzler..."
Nein, "er" ist nicht Dollfuß. Er hat nur die Masche mit der Krawatte ersetzt. Jetzt rechnet sich endlich das "historische Loch", der Eifer, den Begriff "Austrofaschismus" wegzuleugnen, ihn am besten ganz zu vergessen. So eine Sprache wäre ja ekelerregend! Ihm kommt es nicht darauf an, sondern auf etwas anderes. Was immer! Er ist nicht Dollfuß! Er kann etwas haben von jemandem, der er nicht ist und kommt sogar von da her, wo er bestritten hat, hinzuwollen. Er hätte von sich am wenigsten erwartet, seinem Vorbild so nahe zu kommen. Je mehr er bestreitet, desto leichter wird ihm. Bald ist er mit sich hundertprozentig authentisch. In diesem Identitätsrausch ist er unschlagbar. Er will einen endgültigen Nachgeschmack. Bald wird er nur mehr das Gute über ihn (über sich) lesen und sich vollkommen abschotten im festen Glauben. Er ist jetzt der Erste. Immer früher da als die anderen. Früher angekommen und früher woanders. Immer voraus. Er fürchtet überhaupt keine Kritik mehr. Er könnte "ich bin Dollfuß" sagen oder Dollfußbilder aufhängen so viel er will. Er könnte das Bundeskanzleramt mit Dollfuß tapezieren lassen und in Voraussicht wieder herunterreißen. Vorsprung ist das Um und Auf, um sie hinterherhecheln zu sehen. Das Land ist schneller reformiert als die Tagespresse Luftholen kann. Und dieses fragliche Bevölkerungs(Ge)Wissen hat genug damit zu tun, seinesgleichen das eigene Desaster an den Hals zu wünschen. Bevor es sich gegen den Kanzler solidarisiert, sucht es in der Bassena Trost. Ein Kanzler wie "er" spuckt auf so ein primitives Bewußtsein.
"Er" muss so oft an das bittere Ende denken. Es ist zu schrecklich, einen Märtyrer im Herzen zu haben. Die kleinen Männer wachsen der nächsten Generation immer über den Kopf. Da ist er endlich vom ewigen Zweiter-sein-müssen befreit... "er", der nicht Dollfuß ist (das geht ihm schon auf die Nerven) IST Bundeskanzler von Österreich! Punktum! Eine Leistung ist das! Was soll dieser Trauerschleifenknoten im Hals! "Er" ist so parteigeschädigt, dass es schmerzt... kann direkt den Kugelhagel hören. Er wird ja vom Leid erschossen! Er ist nicht Dollfuß! Aber in ihm stirbt ein Mann! Muss er einem Führer nachsterben, um endlich so eine Geistesgröße zu erreichen? Vom Wegpressen wird sein Mund so schmal wie ein Strich. Es passiert etwas schrecklich-schaurig Schönes. Das ist die Metamorphose zum Höheren Ich, die Überwindung des gemeinen Menschen.
Jetzt spüren die kleinen Unwissenden, was es geschlagen hat. Dieser Aura entkommen sie nicht. Ein Hochamt-Kanzler hasst untertänige Nutznießer in seinem Schatten. Nur das Hasskonzentrat (diese Liebe zum Hass) macht seine Autorität. Er würde lieber zum Äußersten greifen als jemals wieder mit Artfremden an einem Tisch zu sitzen. Mit aller Entschiedenheit wird er Bastion für Bastion der feindlichen Hochburgen zu Fall bringen. Ihm ebenbürtig ist nur das goldgestützte Kapital.
"Die Regierung ist die einzige Reformkraft!"
Ja, jetzt waren endlich genug von ihnen da, und sie bekamen Mut, die besten Polizisten der Welt*! jetzt beherrschten sie auf einmal die Straße, jetzt säuberten sie! Und die Heimwehrler halfen mit, jagten nach Schutzbündlern, fluchten gemeinsam, wenn sie einen packten, rissen ihm die Jacke vom Leib: "Roter Saubankert!", setzten ihm das Bajonett vor die Brust, die verbotenen Heimwehrler, verboten und schon wieder erlaubt, wer zweifelte denn dran? [Anmerkung]
[Anm.: "Die Polizei lässt durch ein Reklamesprachrohr verkünden, dass sie die beste Polizei der Welt ist; sie ist nicht nur die beste, sondern die größte der Welt" Anton Kuh, Luftlinien, Hrsg. v. Ruth Greuner, Wien 1981]
Wenn "er", der Kanzler, etwas sagt, dann ist es so. In dieser dringlichen Volkseinschwörung vergessen sie, was sie vorher nicht gewusst oder als selbstverständlich konsumiert hatten. Dem Einzelnen war der Sozialstaat schon vorher egal, und er, der Kanzler, sagt an, so dass jeder und jede die Börsenkurse herunterbeten kann. Wie soll das Kleine sein lächerlich Kleines verteidigen, wenn es gar nicht weiß, wie es etwas verteidigt oder wodurch es etwas verliert! Es spielt sein Muss im Schlaf und lässt sich operettenhaft führen. Sogar der Kumpel im Berg trampelt über seinesgleichen hinweg. Die Polka spielt auf. Das ist die Hauptsache. Wer unten liegt, auf den kann mit dem Finger gezeigt werden. Es trifft ja den Kleinen und die anonyme Masse, trifft die Wehrlosen, Stimmlosen, die Alten, die Kranken, die Unbekannten. Am Misserfolg des Nächstunteren misst sich der eigene Erfolg. Wer den Nachbarn beobachtet, wird reicher oder ärmer. Jetzt kann der Kanzler "oben" den Neidfaktor schüren und eine große Anstiftung nach unten delegieren. Die Groben haben Urlaub verdient. Wenn der Kanzler seine Sprachgewandtheit testen möchte, wird er sagen: "Der Verlust des Erreichten geschieht durch mangelnde Unterstützung für diejenigen, die etwas erreicht haben und weiter erreichen wollen." Mag sein, dass er diesen Satz schon einmal von der Gewerkschaft gehört hat, aber er kann ihn brauchen. Auch staatsfeindliche Störungen sind für eigene Zwecke gut.
Seit dem misteriösen Auftauchen der Arbeiterzeitung ist der Kanzler erkältet. Er hustet sich die Souveränität aus dem Leib. Man will ihn verhöhnen, entwürdigen und auslachen. Das ist mehr, als das Loch eine unwahre Geschichte erzählen kann! Eine Zeitung, die es nicht gibt, wird zur Kult-Tageszeitung erklärt! Ob sie "damals" bis aufs Blut gegeneinander gekämpft hatten, die Heimwehrler, die Christlich Sozialen, die Schutzbündler, Braunhemden für und mit und gegen... Es gibt kein Zurück und wird auch kein Zurück zum einfachen Kanzler geben! Der Schleim im Hals ist nur der Volksschleim, den "er" auskotzen und loswerden muss. Alles andere ist die "paranoide Vorstellung" eines Zusammenbruchs. "Er" ist um so viel raffinierter und demokratisch gerissener als das platte Führertum beschrieben ist. So einer Arbeiterzeitung-Wadelbeißersprache würde er sich nie bedienen. Sie passt nicht zu ihm. Zudem unterliegt es dem Gesetz der Geschichtsserie, dass die Bevölkerung mehr an das Gute als an das Ende glaubt. So weit und zu Ende ist es nie, immer erst am Schluss. Je ärger es wird, desto ärger könnte es noch kommen, also ist es noch nicht so arg.
Am nächsten Tag... wurde offensichtlich, dass Dollfuß nicht umfiel. Der Zwerg erklärte in seiner Radiorede, seine Ziele wären: Erweiterung der Rechte des Bundespräsidenten, Einführung eines Ständerates, Geschäftsordnungsreform im Parlament und Schutz der Ruhe und Ordnung. Er hatte in einer endlich gewährten Unterredung den Unterhändlern ungefähr dasselbe mitgeteilt. Diese hatten erwidert, man könne darüber mit sich wohl reden lassen. Daraufhin hatte Dollfuß für Ende des Monats eingehende Verhandlungen in Aussicht gestellt. Aber das Parlament könne er am 15. keinesfalls zusammentreten lassen; er sei nach wie vor entschlossen, diese Sitzung zu verhindern. Gewaltsam? Unter Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung.
"Der "Reformkurs" wird unbeirrt fortgesetzt!" Als nächstes wird die Verfassung "reformiert"!
Wir haben noch am 7. der Regierung unsere ehrliche Mitarbeit angeboten! Wir haben anerkannt, dass außergewöhnliche Zeiten außergewöhnliche Maßnahmen erfordern, und waren bereit, der Regierung die Möglichkeit zu solchen Maßnahmen zu geben! Was war der Dank? Was war die Antwort? Ein Verfassungsbruch! Genossen!
Die Schicksalskunde ist mit dem Jenseits eins. Juras Planet ist jenseitiger. Sein Sterben ist tot, ist so fern wie nicht existent. Im Denkmal-Land Österreich stehen an jedem Eck, auf jedem Platz Generäle und Kriegsgefallene, Marien und edle Ritter. Für Jura wird es Zeit, die letzte Arbeiterzeitung auszutragen. Oder soll er dieses Zeit-Los behalten und durch die Zeiten bringen? Jede Zeit hat ihre Chronisten und -innen. Österreich hat, was es verdient. Chronikteil, die Tierecke, und was sich Tages-"Politik" nennt. Alles in Ordnung, kein verdächtiger Zwischenruf im meistgelesenen Blatt. Linientreu, katholisch und rechts*, schreibt Jura, und: Immer versäume ich, an die Donau zu gehen, auf die Schneekristalle des Februars zu schauen, mit den jungen Oppositionellen aufs Land zu fahren, beim Sonnenuntergang auf einer Bank zu sitzen*. Ja, er hat seine Zeit gehabt. Die neuen Zeiten machen keinen anderen aus ihm. Hier lesen sie täglich von "ausländischen" Kriminellen, publizieren täglich einen Dichter, der das Dichten und den Humanismus nie lernt - weil der Mensch sich am Untermenschen abzureagieren hat.
Und im Hauskino wird der Kanzler nach seinem nächsten Reformschritt befragt...
Darauf kam kein Ja und kein Nein, sondern irgendeine gespenstische hohle Redewendung. Vor diesem wortgewandten Schweigen...bekam er plötzlich... Angst.
(Anmerkung: Bei den in kursiv gesetzten Absätzen handelt es sich jeweils um Originalzitate aus Jura Soyfers Romanfragment "So starb eine Partei". Die fettgedruckten Passagen hingegen sind Teile des Gesamttextes der Autorin.)