Leseprobe aus:

Patrioten und Demokraten. Gedanken zur Biographie
"Vietnam mon amour" von Ernst Frey

Mario Palaschke


S. 254 – 258; S. 259:

Was diese Biographie hinsichtlich der 1930er Jahre so lesenswert macht, sind nicht nur die persönlichen Eindrücke und Einschätzungen der historischen Ereignisse wie des 12. Februar 1934, des nationalsozialistischen Putschversuchs am 25. Juli 1934 oder des 11. März 1938, sondern auch die Schilderungen des tagtäglichen Lebens als politischer Aktivist wie auch als Privatmensch. Er beschreibt die politische Betätigung im Untergrund, die politischen Auseinandersetzungen zwischen den Lagern der Ersten Republik wie auch innerhalb der Linken. So schildert er die Diskussionen zwischen gemeinsam inhaftierten Kommunisten und Nationalsozialisten: "Drum ist es auch g’scheiter, bei der NSDAP zu sein als bei der RS oder KP – falls einer nicht zufällig ein Jud’ ist. Und ich sag’ Dir, es dauert nicht mehr lang, und dann räumen wir diesen Saftladen auf!’“ (Seite 75).

Mehrere Wochen verbrachte er – als Jude – bei seiner Tante in der deutschen Botschaft, um sich dem Zugriff der österreichischen Staatspolizei zu entziehen. Der politische Druck gegenüber Konfessionslosen wie der Erlass, zur Ablegung der Reifeprüfung eine Note in Religion aufweisen zu müssen, kommt ebenso zur Sprache wie die Behandlung und die Haftbedingungen jugendlicher Aktivisten.

Nachdem sich Ernst Frey zunächst als Mitglied des Bundes Sozialistischer Mittelschüler (BSMÖ, nach 1945 VSM) politisch engagierte, trat er nach den Februarkämpfen des Jahres 1934 zum Kommunistischen Jugendverband (KJV) über:

"Alles stand unter dem Eindruck der Hinrichtungen und Massenverhaftungen der Schutzbündler, und die Ankündigung, dass jede weitere Betätigung für die verbotene Sozialdemokratie unter Hochverrat gestellt und mit schwerem Kerker geahndet würde, verhinderte eine rasche Organisation im Untergrund. [...] Die KPÖ [war] die einzige intakte revolutionäre Kraft in Österreich. Das leuchtete mir ein, denn die Partei war fast schon ein Jahr lang in der Illegalität und verfügte über funktionierende Strukturen und Formationen.“ (Seite 62f.)

Im September 1934 wurde Ernst Frey erstmals wegen Übertretung des Versamm-lungsverbots 14 Tage lang inhaftiert.

"Obgleich fast alle Häftlinge laut offiziellen Aussagen unschuldig waren und jede politische Betätigung leugneten, gab es drei streng gesonderte Zirkel: die Nazis, die Revolutionären Sozialisten und die Kommunisten. [...] Es war ein Treppenwitz der Geschichte, dass wir in Österreich die Gefängnisse mit [den Nazis] teilten.“ (Seite 74f.)

1935 erfolgte als Mitglied des Antifaschistischen Mittelschülerbunds (AMB) die zweite Verhaftung, aus der er erst im Rahmen der Amnestie, die bereits im Zeichen der Aussöhnung der Regierung Schuschnigg mit den Nationalsozialisten stand, im Juli 1936 entlassen wurde:

"Mit unserer Befreiung zeichnete sich der Anfang vom Ende ab. Wir wussten, wem wir sie zu verdanken hatten und was ihr folgte. 'Ich würde meine fünf Jahre abbrummen, wenn man dadurch das Abkommen rückgängig machen könnte’, meinte Heinz aufrichtigen Herzens. Auch ich wäre lieber im Gefängnis geblieben, als auf diese Weise freizukommen. In einer Woche sollte es so weit sein, denn Schuschnigg hatte als Zeichen der Aussöhnung mit den Nazis den 25. Juli 1936, den zweiten Jahrestag des Dollfußmordes, als Tag der Amnestie gewählt.“ (Seite 103)

Damals reifte der Entschluss, sich freiwillig im Spanischen Bürgerkrieg zu melden, ein Entschluss, der für die weiteren Ereignisse von Bedeutung war, allerdings niemals in die Tat umgesetzt werden konnte.

Als die Erste Republik bereits in den letzten Atemzügen lag, schildert Frey noch Momente der Hoffnung:

"Wir waren uns sicher, dass sich Schuschnigg, wollte er Österreich nicht kampflos ausliefern, an uns wenden musste. Auch die illegalen Gewerkschaften, deren Stärke unbestritten war, meldeten ihre Abwehrbereitschaft an. Über Nacht stellten wir alle propagandistischen Angriffe gegen den Austrofaschismus und die Vaterländische Front ein und hofften auf die Einsicht der Regierung. Doch Schuschnigg nutzte die Verhandlungsbereitschaft der Linken für seine Zwecke und kündigte für den 24. Februar 1938 einen Rechenschaftsbericht vor der Bundesversammlung im ehemaligen Parlament an.“ (Seite 110)

Den vermeintlichen Gegensatz „Demokraten versus Patrioten“ straft Frey bei der Schilderung einer der letzten Großkundgebungen der Ersten Republik Lügen:

"Die Wiener Arbeiterschaft versammelte sich in Massen, und nicht etwa, weil die Vaterländische Front dazu aufgerufen hatte, sondern die Revolutionären Sozialisten, die KPÖ und die illegalen Gewerkschaften. [...] Das Ende der Kundgebung war noch überraschender als der polizeilose Anfang. Durch die schmale Gasse, die unser Ordnerdienst zwischen den Menschen freigemacht hatte, fuhr eine schwarze Limousine. Kurt Schuschnigg wurde auf den Schultern der Demonstranten zu seinem Wagen getragen, ohne Polizei und ohne Schutz. Der österreichische Kanzler, Führer des Klerikofaschismus und Todfeind der Demokratie, war in unserer Gewalt, und wir schrien unablässig 'Hoch, Hoch, Hoch!’ Aber nicht 'Hoch Schuschnigg’, sondern 'Hoch Österreich’!“ (Seite 110f.)

Doch die Hoffnungen wurden enttäuscht, denn

"[...] der Kanzler war nicht geneigt, die Demokratie wieder herzustellen, denn im Grunde waren ihm die österreichischen Kommunisten und Sozialdemokraten weitaus unsympathischer als Adolf Hitler mit seiner SS. Der einzige Haken war nur, dass Hitler ihn nicht neben sich duldete.“ (Seite 111)

(...) S. 259:

Am Vorabend des 12. Februar 1934 hatte Vizekanzler und Heimwehrführer Emil Fey angekündigt: "Wir werden morgen an die Arbeit gehen, und wir werden ganze Arbeit leisten.“ Am Ende dieser Entwicklung im Jahre 1938 zeigt sich, dass "ganze Arbeit“ lediglich bei der Zerstörung der Demokratie geleistet wurde. Der "rettende“ Patriotismus, gebündelt in der Vaterländischen Front, erwies sich schließlich allein als zu schwach, das drohende Unheil abzuwenden. Andere waren angetreten und bereits soweit gestärkt, um ihrerseits "ganze Arbeit“ zu leisten.