Leseprobe aus:


Gedanken eines Austro-Türken zum Allgemeinen Katholikentag 1933
und zu den Februarereignissen 1934

Inanc Atilgan



"Jeder Hund hat einen Namen,
jedoch nur die Katholiken einen Namenstag!"


S. 142 – 146; S. 159:

Meine Auseinandersetzung mit Österreichs Vergangenheit ist durch meine Ausbildung zu begründen. Als Historiker kann ich mich von der Vergangenheit nicht befreien. Mein Umgang mit den historischen Etappen Österreichs ist von meinen politischen Interessen geprägt.

Es gibt auch persönliche Gründe, warum ich mich entschied, meine Gedanken zu Papier zu bringen. Wir reagieren auf politische Entwicklungen oder Entscheidungen auf Grund unserer persönlichen Erfahrungen und auf Grund unserer Herkunft. Als ich 1990 nach Wien kam, um hier zu studieren, fand ich mich durch Zufall mitten in der konservativsten Ecke Österreichs wieder. Das waren Monarchisten, besser gesagt habsburgtreue Legitimisten, Paneuropäer etc. Die Lebensführung dieser Gruppe war für mich identisch mit meinem damaligen Österreichbild. Als weltoffener und lernbegieriger Mensch, vor allem aber durch meine sehr intensive familiäre und schulische Erziehung im Sinne des Anhänger des Laizismus, der zwischen mir und dem "Landesglauben“, Islam, eine "gesunde“ Distanz geschaffen hatte, nahm ich jede Art von Information auf und hielt sie auch für richtig und für mich sogar obligatorisch. Man wollte mich taufen, mir den Namen "Emil“ geben, den Nachnamen ändern, damit ich einen reibungslosen Zugang zur "österreichischen Gesellschaft“ fände. Dieser Schritt sei die beste Voraussetzung für eine Integration. Ich ließ mich davon beeinflussen und wollte die Vorschläge auch annehmen. Ich tat dies buchstäblich, abgesehen von der Taufe und Änderung des Vornamens. Ich hatte nämlich erkannt, dass meine säkulare Erziehung mich vom Islam sehr entfernte, weshalb ich dachte, dass der Katholizismus, "der wahre Glaube“, die "richtige Religion“ sei. Ich hatte vergessen, dass es meinerseits nur eine Protestreaktion auf die islamisch-politischen Entwicklungen in der Türkei war. Man hatte sogar zu Gunsten meiner Taufe argumentiert: "dass jeder Hund einen Namen hätte, jedoch nur die Katholiken einen Namenstag!“ Das Ganze wurde dann so schlimm, dass ich mit all diesen politischen Zwängen Schluss machte. Ich war schlicht überlastet. Eine neue oder "bessere“ Identität wollte ich nicht haben. Im Zuge dieser Entwicklungen konnte ich in die konservative Gesellschaft Österreichs einen tiefen Blick werfen. Fazit: Ich sehe mit meinen Erfahrungen eine feste gesellschaftlich-katholische Verbindung zwischen der Dollfußära und den heutigen politischen Ansichten eines bestimmten Teils Österreichs.

Ich werde mich hier auf den rutschigen Boden der Religion begeben! Vorher jedoch möchte ich meine persönliche Haltung gegenüber der Rolle der politischen Religion im gesellschaftlichen Leben definieren: Das Leben der Gesellschaft, beziehungsweise seine Grundordnung (soziale, wirtschaftliche, politische und rechtliche) darf auf keinen Fall durch religiöse Normen gestaltet werden. Die Gesellschaft eines Landes, die aus logischen Überlegungen niemals homogen sein kann oder sein muss, soll keine von einer Religion bestimmten Richtlinien haben. Jeder, der religiöse Gefühle für seine politischen Zwecke instrumentalisiert, sollte in der Politik eines Landes nichts verloren haben. Der Glaube soll im Sinne eines privaten Rechtes so "heilig“ sein, dass er im gesellschaftlichen Leben als politisches System nicht einmal versuchen soll, die gesellschaftsspezifischen Entscheidungen zu beeinflussen. Dies gilt für beide Staaten, die Türkei und Österreich, in denen der Katholizismus und der Islam derzeit noch immer eine große Rolle spielen.

Der vorliegende Essay bezweckt nicht, eine Beschreibung der kirchenpolitischen Entwicklungen der Jahre 1933 und 1934 in Österreich, sondern lediglich eine kurze Vorstellung von Parallelentwicklungen in der Türkei, um auch für die heutige aktuelle Situation Interpretationen zu ermöglichen. Die vorliegende Arbeit ist keine türkische Landeskunde in dem Sinne, dass hier einseitig türkische Entwicklungen vorgestellt werden, sondern türkische islamspezifische Entwicklungen, um dem Leser zu ermöglichen, die damalige österreichische politische Landschaft aus einer anderen Perspektive zu erfassen, um die eigene Sicht auch in einem anderen Licht zu sehen.

Es war für mich immer wieder von großem Interesse, in beiden Ländern parallele Themen zu bearbeiten, um auf diese Weise die Basis für ein relativierendes Verständnis Österreichs und der Türkei zu ermöglichen, und um meine Position als Bürger Österreichs türkischer Herkunft definieren zu können. Die österreichisch-türkischen Beziehungen reichen bis ins 15. Jahrhundert zurück, und waren einige Jahrhunderte lang vor allem durch kriegerische Auseinandersetzungen geprägt. Bis zur Gründung der beiden Republiken Österreich (1918) und Türkei (1923) kann man die Beziehungen grob in drei Phasen teilen: die osmanische Expansion (bis 1683), die österreichische Expansion (ab 1683) und das gemeinsame Ende (Erster Weltkrieg).

Das Verhältnis zwischen Politik und Religion unter dem Krukenkreuz unterscheidet sich zu dem in der Türkei im Sinne der Stärkung der traditionell-katholischen Macht, während in der Türkei der Islam als Grund für die Rückständigkeit eine "negative Stellung“ einnehmen musste. Im Mittelpunkt des türkischen Staates und der Gesellschaft stand die Modernisierung und Durchsetzung der Verwestlichung. Die damalige Politik galt der Entfernung der Türkei aus dem islamischen Kulturkreis und ihrer Heranführung an die westlichen Werte. Der relativierende Blick in die religionspolitische Lage in der Türkei wird diese zwei „entgegengesetzten“ politischen Versuche – Katholisierung der österreichischen "Nation“ und „Türkisierung“ des Islams – verdeutlichen. Nicht zu vergessen, dass beide Staaten damals die eigene Identitäten neu gestalten, wenn nicht gar völlig verändern wollten! In einer Zeit des Einparteiensystems in Europa! Die Republik Österreich war eine Gründung unmittelbar nach dem Ende des Weltkrieges, die Türkei hingegen unterschrieb nach einem dreijährigen Krieg als Siegermacht im Juli 1923 in Lausanne den Friedensvertrag. Beide Republiken sahen sich nicht als Nachfolgestaaten der früheren Monarchien. Beide Staaten mussten sich behaupten, und an ihren nationalen Identitäten basteln, indem sie sich von den früheren Vorgängerstaaten distanzierten, die im Gegensatz zu ihnen Vielvölkerstaaten gewesen waren; ein Kampf um Daseinsberechtigung in modifizierter Art und Weise? Bei diesen gleichzeitigen Identitätsbildungen in Österreich und der Türkei bestand ein großer Unterschied jedoch darin, dass sich die Türkei auch vom islamischen Charakter des Osmanischen Reichs entfernte, wohingegen gerade der habsburgische Katholizismus in Österreich gegen den Nationalsozialismus eine wichtige Rolle spielte. Im Falle Österreichs war dies deswegen wichtig, da die Christlichsozialen in Österreich vor allem in der Dollfuß-Ära das katholische Habsburgererbe mit seiner politischen und territorialen Größe immer mehr in den Vordergrund rückten. In Österreich gab es keine Führungspersönlichkeit wie Atatürk, der zu einer mythologischen Figur überhöht wurde, wie man es noch immer spürt, wenn man heute dessen Mausoleum in Ankara besucht, das ein "säkulares Heiligtum“ ist. Während die österreichische politische Landschaft drei große Richtungen, die sozialdemokratische, die christlichsoziale und die nationalsozialistisch-großdeutsche aufwies, verdient sich die politische Gegnerschaft Mustafa Kemals (seit 1934 allgemein nur noch Atatürk genannt, daher auch hier von nun an Atatürk) hier keine Erwähnung.

(...) S. 159:

Karl Linek, Chemiker, Vertreter der "Internationalen Humanistisch-Ethischen Union" (IHEU) bei der UNO und langjähriges Vorstandsmitglied des Freidenkerbundes Österreichs (FBÖ) sagte unlängst auf die Frage, ob eines Tages in ferner Zukunft "Religion" (d.h. "Rückbindung") durch "Philosopie" ("Liebe zur Weisheit") ersetzt sein würde: "Von dieser Hoffnung sind wir getrieben. Die Chance scheint aus heutiger Sicht zwar eher gering, aber immerhin haben sich Menschenrechte und Demokratie gegen den erbitterten Widerstand der Religionen auf der Welt schon weit verbreitet. Jedoch wissen wir auch, dass dies nicht durch eine Naturkatastrophe eintreten wird. Ohne stete Arbeit auf dieses Ziel hin geht es überhaupt nicht. Dies ist der Grund für unser Engagement.“

Bundespräsident Wilhelm Miklas sagte am 8. September 1933 bei der Eröffnungszeremonie des Allgemeinen Deutschen Katholikentags in Wien: "Ideen sind unvergänglich, immer wieder ringen sie sich zur neuen Geltung durch, auch wenn die äußeren Formen in bunter Folge wechseln mögen.“ (in Reichspost, Nr. 250, p. 2.) Was sagen Sie dazu?